David Bowie

 

David Bowie war einer der einflußreichsten Künstler der zeitgenössischen populären Musik. Seine musikalische Wandlungsfähigkeit war einmalig in der Geschichte der Rockmusik. Durch das ständige Experimentieren mit anderen Musikern hat er nicht nur mit seinem Äußeren zahlreiche Punk- Independentund NewRomantic-Musiker geprägt. Bowie's Kunstfigur „Ziggy Stardust“ wurde in der Glamrock-Phase der frühen 70er zu einer Ikone. Schon sein erster wirklicher Hit „Space Oddity“ (1969) war seiner Zeit weit voraus. Über die frühen Anfänge als Sänger im Vaudeville-Varietestil über Rock, Punk, Soul, Disco, Wave bis hin zu Jazz und sogar Techno hat er sich immer wieder als Trendsetter erwiesen, der sich nie in eine Schublade stecken ließ, aber auch nie auf „fahrende Züge“ aufgesprungen ist, sondern seinen Songs – sind sie auch stilistisch noch so unterschiedlich – seinen eigenen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt hat. Bowie's eigene Stilisierung sprengt alle Grenzen, er sah sich schon früh als multimedialer Künstler in Film- und Theaterrollen, prägte als einer der ersten Musiker nachhaltig die in den 80er Jahren aufkommende Videoclip-Industrie und war auch einer der ersten Pop-Artists, der die Möglichkeiten von Internet- Präsentation und -Vermarktung früh erkannte und nutzte. Bowies Karriere ist eine der facettenreichsten der Rockgeschichte. Kaum ein anderer Musiker verkörperte Leben und Leiden und auch manche Klischees eines Rockstars wie Bowie. Kaum ein anderer war musikalisch so wandlungsreich, so risikofreudig, wenn es darum ging, verschiedene Stile miteinander zu verschmelzen, immer etwas Neues auszuprobieren, und das oft mit illustren Gastmusikern bei den Studioproduktionen und auch immer wieder live. Deshalb ist das musikalische Universum von David Bowie nicht greifbar, nicht faßbar, in keinerlei Schubladen zu stecken. Glam-Rock, das war mal so eine – doch schon in den frühen 70ern, von dem Debüt „Space Oddity“ bis „Diamond Dogs“, als er zumindest äußerlich mit seiner Kunstfigur „Ziggy Stardust“ in dieses Schema zu passen schien, probierte er genreüberschreitend nahezu alles aus, was Rockmusik hergibt: Psychedelia, Rock´n Roll, Blues-Rock, das, was man heute Progressivrock nennen würde, musical- und collagenhafte Stücke oder schon in dieser Periode seine Hommage an den französischen Chansonnier Jacques Brel („My Death“, „Port of Amsterdam“). Die erste wirkliche Verwandlung kam nach „Diamond Dogs“, das fast Bowies letztes Album geworden wäre – nach Drogen-Exzessen und Tourstreß hatte er sich völlig aufgerieben und wirkte wie kurz vor dem von ihm besungenen „Rock´n Roll Suicide". Heilung, Wandlung, optisch (wieder einmal) und auch musikalisch auf dem 75er Album „Young Americans“: mit Soul, Funk und Disco erwies er sich abermals als Trendsetter, der nicht nur unzählige Musiker beeinflußt hat, sondern auch selbst immer wieder „Beiträge zum musikalischen Zeitgeist“ beisteuerte. Danach wieder Hoffnung – auf Heilung und endgültiger Abkehr vom „H“, auf der Suche nach besseren Produktionsmöglichkeiten, auf der Suche nach einem neuen „Ich“, die Zeit in Deutschland, die Zeit in Berlin. Wieder erstaunliche musikalische Metamorphosen – viele Fans halten die in den Hansa-Studios entstandenen Alben wie „Heroes“, „Station to Station“, „Low“ oder „Lodger“ für seine anspruchsvollsten und besten, besonders die Zusammenarbeit mit Brian Eno erwies sich als äußerst fruchtbar. Das, was scheinbar unweigerlich jeder Musiker einmal macht, macht dann auch Bowie: nach dem letzten ambitionierten Album „Scary Monsters“ (inzwischen war Bowie mit seinen Video-Clips ebenfalls zum Vorreiter einer aufkeimenden Musikindustrie geworden – für den Clip zu „Ashes to Ashes“ hatte er einen Grammy bekommen): er wird kommerziell! Das Album „Let´s Dance“ wird sein meistverkauftes – 4 Single-Hits, darunter das von seinem Freund Iggy Pop gecoverte „China Girl“. Und während dieser ganzen Zeit immer wieder Film- und Theaterarbeit mit Höhepunkten als „Elephant Man“ auf den Londoner Bühnen und als Außerirdischer in Nicholas Roegs Mystery-SciFi-Thriller „Der Mann, der vom Himmel fiel“. 1981 erneuter Höhepunkt seiner Popularität, der Soundtrack zu der Verfilmung der Drogen-Bekenntnisse von Christiane F., eine exquisite Auswahl seiner Songs, die hervorragend in den filmischen Kontext paßten, gekrönt mit einem Gastauftritt von Bowie in Uli Edels Produktion, gekrönt auch von einer halb und später ganz in deutsch gesungenen Fassung von „Heroes“. Ab Mitte der 80er – er filmt, er hat einen Smash-Auftritt auf dem Live Aid- Festival, Single-Hits wie „Absolute Beginners“ oder das Duett mit Mick Jagger „Dancing in the Streets“ – ein Fall ins künstlerische Mittelmaß mit seinen wahrscheinlich schwächsten Alben „ue Jean“ und „Never let me down“ – Letzteres kaschiert er mit einer clever choreographierten Live-Tour 1987 – erneut mit prominenten Gastmusikern wie Peter Frampton. Sein Side-Projekt „Tin Machine“ wird mit gemischten Gefühlen aufgenommen, aber viele überzeugt er, die Live-Auftritte sind überwiegend ausverkauft, man hat das Gefühl, daß Bowie sich wieder einmal neu erfinden will. Und das tut er: mit einem für mich überraschend guten Solo-Comeback- Album, das jazz- und Soulorientierte „Black Tie White Noise“. Ein neuer kreativer Schub setzt ein, sein glückliches Privatleben färbt ab: noch nie war er auf der Bühne so entspannt, so zugänglich. Seine Alben ab den 90ern bis „Reality“ 2004 sind wieder Gesamtkunstwerke wie in den 70ern, er bedient ab und zu den Zeitgeist mit Drum ´n Bass, Techno, Grunge...immer komplexer und bombastischer werden die Arrangements, um dann wieder durchbrochen zu werden von Singer/Songwriter-Aufnahmen, nur von Gitarre oder Piano begleitet. Eine fruchtbare Ära bis 2004, die mit Sicherheit noch eine Aufwertung erfahren wird. Auf dem Hurricane-Festival 2004 in Scheeßel erlitt Bowie unmittelbar nach seinem Auftritt einen Herzinfarkt und konnte in einer Notoperation gerettet werden. Danach gab es sporadisch öffentliche Auftritte, bei denen er vor allem seine künstlerischen Aktivitäten präsentierte, es gab sogar noch kleine Filmauftritte, doch 10 Jahre lang hatte man das Gefühl, er hat sich ohne viel Aufsehen einfach still und leise von der Bühne verabschiedet. Dann die Überraschung: 2013 veröffentlicht er „The Next Day“, ein vielseitiges, aber auch eher mittelmäßiges Comeback-Album – die vorab veröffentlichte Single- Auskoppelung „Where are we now“, eine wehmütige Erinnerung an seine Berliner Zeiten, ist jedoch mit Sicherheit einer seiner schönsten Songs. Doch eine Tour bleibt weiterhin aus. Am 8. Januar 2016, an seinem 69. Geburtstag, kommt mit „Blackstar“ sein 25. Studioalbum, ein innovatives Album, eine Rückkehr zu seiner Experimentierfreudigkeit, eine Mischung zwischen Psychedelic, Jazz und Avantgarde-Rock, die uns und viele Fans überzeugt hat, daß er nach dem eher oberflächlichen „The Next Day“ nichts von seiner Kreativität eingebüßt hat. Weil er sein Privatleben vor der Öffentlichkeit abschirmte, wußten nur sehr wenige, daß dies sein Vermächtnis werden würde. Am 10. Januar stirbt er an Leberkrebs, der bereits 18 Monate vorher diagnostiziert wurde. „Blackstar“, in dem er sich besonders im Titelsong und in „Lazarus“ mit seinem herannahenden Tod auseinandersetzte, wurde 2017 mit fünf Grammys ausgezeichnet, das meistprämierte Bowie-Album und auch eines seiner meistverkauften. Die Beschäftigung mit Davids Songs ist eine Lebensaufgabe – Stücke, die man vielleicht einmal als sperrig und ungenießbar empfunden hat, mag man plötzlich mit der Zeit – oder umgekehrt. Die Wirkung seiner Stücke erneuert sich Jahr um Jahr, je öfter ich sie höre. Für viele ist er am besten, wenn er düster wird – oder wenn seine Stücke erneut in einen Kontext gesetzt werden, wie seine Soundtracks, wie z.b. das hervorragende „I´m deranged“ aus David Lynchs „Lost Highway“ (1997). Und dann ist da seine faszinierende Stimme, mal hell, mal brüchig, mal melancholisch, mal aggressiv, fast genauso wenig berechenbar wie die unterschiedlichen Richtungen, in die er sich gewagt hat, und doch immer wieder unverkennbar und unverwechselbar BOWIE.

Kontakt

Udo Braun-Niermann
0178 51 91 208
braun-niermann@gmx.de

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